Glaubens:Leben

    VER:TIEFUNG

    Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung.
    Durch sie allein kann ich wieder zu Gott gelangen.
    Vertiefung! Vertiefung!
    Christian Morgenstern (1871 bis 1914), aus: Gesammelte Werke, Anaconda-Verlag Köln 2008, S. 613

    Dieser Ausruf stammt von Christian Morgenstern , dem bekannten Dichter. Seine Suche nach Vertiefung führte ihn durch schwere Krankheiten von der Philosophie Nietzsches zu den Gedanken Rudolf Steiners. Kurz vor seinem Tod arbeitete er an einer Gedichtsammlung, von denen einige in Gebetsform Vertiefung bei Jesus Christus suchen.

    Wir können Wissen vertiefen,
    können Fähigkeiten vertiefen,
    können Beziehungen vertiefen und
    können „uns in etwas vertiefen“.
    Wenn wir über die Vertiefung des Glaubens reden, meinen wir die Vertiefung einer Beziehung –
    denn Glaube ist Beziehung.
    Glaube ist keine Position, die unveränderbar feststeht.
    Glaube ist eine Relation, die sich verändern und vertiefen kann.

    Aus dem großen Schatz der christlichen Traditionen will ich zwei Veränderungsansätze (hervor)heben, die für meine Sehnsucht nach Vertiefung wegweisend waren.

    1. Vertiefung geschieht …
    Jede Vertiefung braucht vor allem Zeit.
    Das bildet auch die Schöpfung ab:
    Pflanzen brauchen Zeit zur Verwurzelung. Zimmerpflanzen brauchen Wochen zur Vertiefung ihrer Wurzeln … große Bäume dagegen Jahre.
    Es liegt in der „Natur der Dinge“, dass Vertiefung nicht erzwungen werden kann. Sie geschieht. Nach und nach. Tag für Tag. Woche für Woche. Jahr für Jahr.
    Auch für die Vertiefung des Glaubens gilt das.
    Das ist die gute Nachricht: Wir können Vertiefung nicht leisten, sondern nur betrachten!
    Das deckt sich mit den Aussagen unserer Glaubensväter, die vor vielen Jahrhunderten die Empfehlung weitergegeben haben:
    „Ändere Dich nicht. Lerne zu sehen, und Du wirst Dich ändern.“
    Wachsame Beobachtung ist wichtiger als krampfhafte Veränderung.
    Aufmerksame Wahrnehmung ist wichtiger als intensive Anstrengung.
    Bewusstes Leben ist wichtiger als effektive Leistung.
    Wir verlieren die Leichtigkeit in unserem Glauben, wenn wir Vertiefung zu leisten versuchen.
    Verwurzelung ist nicht unser Job – so wenig wie Wachstum unsere Aufgabe ist (1. Korinther 3,6+7). Nicht meine Anstrengung schafft Vertiefung – Gott lässt reifen.

    Das heißt für mich:
    Um meinen Glauben zu vertiefen, nehme ich alle Situationen, wie sie sich fügen –
    und durchlebe sie gemeinsam mit Gott.

    2. Vertiefung geschieht innen …
    Der amerikanische Trappist und Autor Thomas Merton (1915 bis 1968) verortet Wachstum und Vertiefung in unserem Inneren:
    „Unsere wirkliche Lebensreise ist innerlich: Es geht um Wachsen, Vertiefen und um die größere Hingabe an das schöpferische Wirken der Liebe und der Gnade in unserem Herzen.“ (Thomas Merton, Wie der Mond stirbt, Peter Hammer Verlag 1976, S. 15)
    Nicht „äußeres“ Erleben ist entscheidend, sondern „inneres“ Vertiefen und Wachsen.
    Es gibt in unserem Leben immer ein „Innen“ und ein „Außen“,
    ein Innenleben und ein Außenleben,
    eine Innensicht und eine Außensicht,
    eine Innenwelt und eine Außenwelt.
    Das Problem ist, dass wir unser Leben lang damit beschäftigt sind, unser „Außen“ zu beherrschen, zu gestalten, zu ordnen, zu pflegen. Doch je mehr wir das tun, desto mehr verlieren wir den Einfluss über unsere „Innen“. Wenn das geschieht, nehmen wir das Entscheidende unserer Lebensreise nicht mehr richtig wahr. Nämlich: „Wachsen, Vertiefen und die größere Hingabe an das schöpferische Wirken der Liebe und der Gnade in unseren Herzen“.
    Wachsen keimt innen.
    Vertiefen geschieht innen.
    Hingabe entspringt innen.
    Liebe und Gnade wirkt innen.
    Deshalb brauchen wir zur Vertiefung unseres Glaubens so sehr die Aufmerksamkeit auf unser Innenleben.
    Tiefe gewinnen wir, indem wir „inneren“ Abstand finden, „innere“ Erkenntnis gewinnen, „innere“ Wirklichkeit entdecken – in der „inneren“ Verbindung mit Gott.

    Und noch etwas:
    Alles Innere drängt nach außen, ins praktische Leben, in tätige Liebe. So verbinden sich organisch „innen“ und „außen“ – was, meiner Erfahrung nach, die erlebte Vertiefung weiter vertieft.

    Mein Fazit:
    Vertiefung braucht nicht so sehr unsere Leistung, sondern unsere Verfügbarkeit.

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