Alltags:Leben

    ERKENNTNIS:VERMÖGEN

    Der Mensch weiß mehr, als er versteht.
    Er fühlt mehr, als er aussprechen kann.
    Wer sein Wissen auf das begrenzt, was er versteht,
    blockiert sein Erkenntnisvermögen.
    Abraham J. Heschel, Die ungesicherte Freiheit, Neukirchener Verlag, 1985, S. 52

    Ich weiß, dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist.
    Ich weiß, dass zweimal fünf zehn ergibt.
    Ich weiß, wie man Auto fährt.
    Ich weiß, welcher Schauspieler beim letzten James-Bond-Film die Hauptrolle hatte.
    Natürlich weiß ich noch mehr – manches nur grob, anderes auch detailliert.
    Und: selbstverständlich weiß ich Vieles auch nicht.
    Die Frage, die bei den ganzen „Ich-weiß-Sätzen“ zu klären wäre, ist: Was ist eigentlich Wissen?
    Das beschäftigt Denkerinnen und Denker seit vielen Jahrhunderten.
    Ich habe gelesen, dass man in der Philosophie zwischen satzförmigem, praktischem und phänomenalem Wissen unterscheidet.
    Satzförmiges Wissen ist „Lexikonwissen“, das man gut mit Worten beschreiben kann.
    Praktisches Wissen ist etwas, dass man sich praktisch angeeignet hat (z.B. Klavierspielen).
    Phänomenales Wissen ist „wissen, wie sich etwas anfühlt“, das man aber nicht vollständig in Worten ausdrücken kann. Um es vollständig zu verstehen, muss es zusätzlich erspürt werden.
    Was philosophisch ebenfalls gilt ist: Es gibt kein Wissen ohne Unwissen.
    Ähnliches greift im oben genannten Zitat Abraham J. Heschel auf.

    Die Wahrheit über das Wissen ist:
    Wir wissen mehr, als wir verstehen.
    Wir fühlen mehr, als wir formulieren können.
    Blaise Pascal (1623 bis 1662) beschreibt das mal mit den Worten:
    „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“

    Heißt:
    Wissen ist mehr als Verstehen.
    Wissen beinhaltet immer auch „Unerklärliches“.
    Es gibt mehr Erkenntnisquellen für Wissen, als nur den Verstand.
    Es gibt nicht nur Hirn, sondern auch Herz,
    nicht nur Schlauheit, sondern auch Seele,
    nicht nur Gedanken, sondern auch Gefühle,
    nicht nur Gelehrtheit, sondern auch Geheimnis.

    Deshalb ist reines Hirnwissen lediglich fragmentarisch und vernachlässigt die Ganzheit.
    Es gilt:
    Denken und Fühlen.
    Wissen und Glauben.
    Buchstabe und Geist.
    Sachkenntnis und Geheimnis.
    Heschel formuliert die daraus folgende Aufgabe an anderer Stelle:
    „… die Seele zur Entfaltung zu bringen, nicht nur den Verstand“.

    Das wäre mal eine sinnvolle Aufgabenstellung für die nächsten Tage, oder?

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