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Das Hauptmerkmal eines Charakters ist,
wie er sich bei Feindseligkeit verhält.
Leo Tolstoi (1828 bis 1910)
Hier deckt Leo Tolstoi einen interessanten Zusammenhang auf – die Wechselwirkung zwischen erlebter Feindseligkeit und geformtem Charakter. Es ist doch so:
Im Angegriffen-Werden „kommt heraus“, was in uns wohnt.
Unter Druck wird deutlich, wie gefestigt wir im Innern sind.
Im Gegenwind zeigt sich, wie viel Raum unsere Werte bekommen.
Dann kann es sein, dass wir emotional reagieren statt besonnen,
dass wir um uns schlagen, statt in uns zu gehen,
dass wir verletzen, statt zu heilen,
dass wir hassen, statt zu lieben.
Es lauert Gefahr, wenn wir angefeindet werden:
Die Gefahr, dass wir reagieren, als ginge es um „Gewinnen oder Verlieren“,
dass wir handeln, als wären wir im „Krieg“.
Dabei ist es – nebenbei bemerkt – manchmal gar nicht unser „Krieg“, sondern der „Krieg“ der Menschen, die uns anfeinden. Machen wir da nicht mit, zeigen wir unseren stabilen Charakter und wir bleiben frei.
Jesus empfiehlt als Hilfe für unsere Charakterstabilität:
„Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen.“ (Die Bibel in Lukas 6,27)
Wer so handelt, zeigt wie stark sein Charakter ist.
Er bleibt bei sich selbst, bei seinen Werten.
Er lässt sich nicht fremdbestimmen oder von außen steuern.
Er lebt seine Freiheit, seine Unabhängigkeit.
Dann wird offenbar, was Martin Luther King einmal beobachtete:
„Wenn ihr eure Feinde liebt, werdet ihr entdecken, dass tief an der Wurzel der Liebe die Kraft der Befreiung liegt.“
Apropos Martin Luther King:
Es war an einem Sonntag-Vormittag des Jahres 1957.
Er predigte in einem Gottesdienst:
„Wie wollt ihr es schaffen, eure Feinde zu lieben?“, fragte er die Gottesdienstbesucher in Alabama.
„Fangt bei euch selbst an! […] Wenn sich euch die Gelegenheit bietet, euren Feind zu besiegen – ist das der Zeitpunkt, an dem ihr das auf keinen Fall tun dürft.“
Dann zitierte er noch die Worte von Jesus: „Liebe deine Feinde. Segne, die dich verfluchen. Tu Gutes denen, die dich hassen und bete für die, die dir böse wollen; […] so erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel.“
aus: Tomas Halik, Ich will, dass du bist, Herder Verlag Freiburg, S. 190/191
Nun aber die wichtige Frage:
Wie geht das eigentlich, unsere Feinde zu lieben,
Gegnerschaft zu vermeiden,
Freundschaft zu fördern?
Martin Luther King sagt: Es fängt bei uns selbst an.
Dahinter steckt die Erkenntnis:
Feindschaft ist nur möglich, wenn beide Parteien Feinde sein möchten.
Du kannst aber auch einfach nicht mitmachen,
den Willen zur Feindschaft verweigern,
dich nicht einfach überrollen lassen.
So wird Feindschaft einseitig und dadurch wirkungslos.
Und du selbst bleibst frei … dein Charakter bleibt fest … deine Werte bleiben unangetastet.
Das sollten wir mal ausprobieren, oder?




