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Darf Liebe nehmen?
Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907) in einem Brief an Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke, 1902
Eine gute Frage.
Die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker stellt sie in einem Brief an Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke.
O-Ton:
„Ist Liebe denn nicht tausendfältig? Ist sie nicht wie die Sonne, die alles bescheint? Muss sie einem alles geben? Und andern nehmen? Darf Liebe nehmen? Ist sie nicht viel zu hold, zu groß, zu allumfassend?“
Meine Antwort:
Ja. Liebe muss nehmen.
Und zwar in folgendem Sinne:
Liebe muss annehmen,
Menschen akzeptieren, wie sie sind,
ihre Ideen, Stärken, Wunderlichkeiten, Gefühle,
Liebe muss teilnehmen,
am Leben anderer interessiert sein,
nachfragen, Anteil nehmen und helfen.
Liebe muss sich benehmen,
nicht immer gleich poltern,
respektvoll handeln und reden.
Liebe muss hineinnehmen,
nicht ausgrenzen oder ausschließen,
die Tür öffnen und willkommen heißen.
Liebe muss zurücknehmen
den Platz frei machen für einen anderen Mittelpunkt,
manchmal auch Worte, die gefallen sind, wieder zu sich nehmen.
Liebe muss wahrnehmen,
einen Blick für die Bedürfnisse anderer haben,
nicht wegsehen, sondern sogar tiefer sehen.
Liebe muss ernstnehmen,
nicht von oben herab betrachten oder gar belächeln,
den Wert und die Würde des anderen (be)achten.
Ja.
In diesem Sinn darf Liebe nehmen … und zeigt dadurch nicht nur ihre Nehmer- sondern auch die Geber-Qualitäten.
Nimm an, nimm teil, nimm hinein, nimm zurück, nimm wahr und nimm ernst!
Gib alles!


