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FRAGEN:SICHER

Ihr andern werdet sichrer immerdar.
Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.
Christian Morgenstern, in: Gesammelte Werke, Anaconda-Verlag Köln 2008, S. 98

Das stimmt auch für mich:
Je länger ich atme, desto weniger sicher bin ich mir in manchen früher so klaren Ansichten und Erkenntnissen.
Zu viel hat sich verändert – in meinen Lebensführungen, in meinen Überzeugungen, in meinem Wissen.
Zu oft hat sich verändert – wie ich Menschen sehe, wie ich Ereignisse beurteile und wie ich Glauben lebe.
Ich habe heute mehr Fragen als Antworten … aber ich kann wunderbar damit leben.
Denn es hilft mir beim Verständnis für Menschen, die – wie ich – mit offenen und unbeantworteten Fragen leben.
Und es schärft mein Bewusstsein, dass ich noch lange nicht fertig bin …
Dann geht es mir ab und an wieder wie Christian Morgenstern:
„Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es gibt fertigere Menschen denn mich, sicherlich ungezählte. Aber keiner ist fertig, sollte je fertig sein.“ Christian Morgenstern, Gesammelte Werke, Anaconda-Verlag Köln 2008, S. 631
Wer auf alle Fragen des Lebens eine Antwort hat, ist mir immer ein wenig suspekt.
Wem die Worte „ich weiß nicht“ nie über die Lippen kommen,
wer bei fehlenden Antworten immer ein Defizit wittert,
den umgibt nicht selten eine demütigende Überlegenheit und eine spürbare Unnahbarkeit.
Denn wir ahnen: so eindeutig ist das Leben nicht … und so zweifellos ist auch der christliche Glaube nicht.
Nicht alles ist klar und erklärbar.

Deshalb sympathisiere ich auch mit fragenden Menschen.
Das hängt zum Einen an der Erweiterung meiner Lebenserfahrung – und zum Anderen an der Wirksamkeit guter Fragen.
Eine einzige Frage kann mehr Wahrheit enthalten,
mehr Zündstoff entflammen,
mehr Hinweise bringen als hundert Antworten.
Gute Fragen sind meist klüger als richtige Antworten.
Tiefe Fragen erübrigen ausschweifende Antworten.
Wesentliche Fragen sind vorläufigen Antworten weit überlegen.
Fragen fordern unser Tief-Denken.
Fragen fordern unsere Weit-Sicht.

Aus all diesen Gründen bin ich im Grunde froh, immer fragender zu werden.
Keine Ahnung, ob auch Christian Morgenstern gut damit leben konnte …

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