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Betrachte dich als ein kleines Samenkorn, das in fruchtbaren Boden gesät wurde. Alles, was du tun musst, ist, in der Erde bleiben und darauf vertrauen, dass der Boden alles enthält, was du zum Wachsen brauchst. Das Wachsen geschieht von selbst, auch wenn du es nicht spürst.
Sei ruhig, erkenne deine Ohnmacht und glaub daran, dass du eines Tages wissen wirst, wieviel du erhalten hast.
Henri Nouwen, Die innere Stimme der Liebe, Herder Verlag, Freiburg, 1998, S. 44
Ohnmacht ist ein unerfreuliches Gefühl.
Als ich mit rund 26 Jahren das erste Mal in meinem Leben ohnmächtig wurde, hab ich dieses Gefühl als eins der unangenehmsten erlebt. Der ganze Körper, der Verstand, der Wille, die Beine, die Augen – alles kämpft dagegen an … und verliert.
Ohnmacht ist also Verlieren. Und ich verliere einfach nicht gerne.
Ohnmacht ist Kontrollverlust. Und ich liebe Kontrolle.
Je mehr wir gegen die Ohnmacht ankämpfen, desto mehr leiden wir an ihr … und desto mutloser werden wir.
Henri Nouwen spricht deshalb in seinem Buch „Die innere Stimme der Liebe“ davon, dass wir lernen müssen, unsere Ohnmacht in uns selbst und in bestimmten Situationen wahrzunehmen und anzuerkennen.
Das sei der erste Schritt, Heilung und Wachstum zu erleben.
Nouwen erklärt das mit dem Bild des Säens.
Wir sind Zeit unseres Lebens wie ein Samenkorn – gesät in fruchtbaren Boden.
Unsere Aufgabe ist nicht, unser Wachstum zu bewirken, sondern es zu erwarten.
Nicht, unsere Entwicklung zu schaffen, sondern sie geschehen zu lassen.
Nicht, unsere Entfaltung durchzudrücken, sondern sie zuzulassen.
Hinter diesen Gedanken verbirgt sich die nachdankenswerte Erkenntnis, dass Wachstum nicht erzwungen werden kann, sondern dass es – oft unbezweckt – geschieht.
Ich muss unweigerlich an den schönen Satz von Dietrich Bonhoeffer denken, den ich vor einigen Monaten entdeckt habe:
„Auf die größten, tiefsten, zartesten Dinge in der Welt
müssen wir warten, da gehts nicht im Sturm,
sondern nach den göttlichen Gesetzen
des Keimens und Wachsens und Werdens.“
Dietrich Bonhoeffer, Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Band 10, Seite 529
Das hört sich schöner an als „Ohnmacht“ … aber es drückt dasselbe aus.
Wir haben keine Macht über Wachstum.
Wir sind lediglich Bleibende, Wartende, Vertrauende.
Wachstum geschieht „von selbst“.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung.
Denn das größte Wachstum in meinem Leben habe ich mir nicht mit Macht erkämpft, sondern ist durch „ohnmächtiges“ Warten geschehen. Es hat sich ereignet – oft nicht sofort und auch nicht dann, wenn ich es mir gewünscht habe. Aber es hat sich ergeben.
Vielleicht kann deshalb Alfred Delp, der dasselbe Schicksal erlitten hat wie Dietrich Bonhoeffer, sein Leben und Sterben mit folgenden Worte beschreiben:
„Saatkorn sein, eingesenkt werden in den Acker der Zeit und der Geschichte und da das Schicksal des Saatkorns erleiden.“ Alfred Delp (in: Worte der Hoffnung, echter Verlag, Würzburg, 2009, S. 72)
So ein Saatkorn will ich sein … im Vertrauen darauf, dass – wie Henri Nouwen das ausdrückt – „der Boden alles enthält, was ich zum Wachsen brauche“.


