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MASS:VOLL

Leben kann nur lebendig bleiben,
wenn es maßvoll und bewegt bleibt.

Romano Guardini (1885 bis 1968), in: Der Gegensatz, Grünewald Verlag 1985, S. 209

Was denkt ihr, was lebendiges Leben ausmacht?
Neugier? Mut? Beziehungen? Lernen? Träume? Spaß? Mobilität?
Romano Guardini erklärt das in seinem Buch „Der Gegensatz“ mit zwei Begriffen:
„Die Lebendigkeit des Lebens hängt an Bewegung und Maß.“
Ein nachdankenswerter Gedanke.
Gerade in dieser besonderen Zeit – der Fastenzeit – sollten wir intensiver darüber nachdenken.

Bewegung
Lebendigkeit wird oft sichtbar durch Bewegung.
Wenn sich etwas regt, ist Leben drin.
Leben ist Streben – initiativ, dynamisch, impulsiv, schwungvoll, frisch.
Romano Guardini schließt daraus:
„Menschliches Dasein […] darf sich nicht niedersetzen, sich selbst zur Genüge, sondern muss in immerwährendem Vorübergang bleiben.“ (Der Gegensatz, S. 210)
Also Vorsicht:
Leben ist bedroht von Stillstand, Starre, Stagnation.
Wenn das Leben nur in sich selbst ruhen will, wird es innen kraftlos und außen reglos.
Leblos.
Leben ist aber ebenso bedroht von Hektik, Hast, Hetze.
Wenn das Tempo des Lebens zu hoch wird, bleibt unsere Seele auf der Strecke.
Vieles bleibt liegen, unsere Pflanzen verdorren, Menschen treten in den Hintergrund und Beziehungen leiden. 
Deshalb brauchen wir als Ergänzung zur Bewegung immer auch das Maß.

Maß
Bereits im Mittelaltar gehörte das maßvolle Leben zu den wichtigsten Tugenden, den sogenannten Kardinaltugenden (neben Weisheit, Gerechtigkeit und Mut). Das lateinische Wort für Maß ist „temperantia“, das griechische Wort „sophrosyne“. „sophrosyne“ bezeichnet zuerst mal eine gesunde Seele (ich deute mal: du hältst deine Seele sauber, wenn du maßvoll lebst). Außerdem kann es noch Besonnenheit, Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Enthaltsamkeit bedeuten.
Maß ist moderat, diszipliniert, zurückhaltend, grenzbewusst, genügsam, beherrscht.
Das alles (und wahrscheinlich noch viel mehr) gehört zu einem maßvollen Leben. 

Romano Guardini beschreibt das mit seinen so eigenen und besonderen Formulierungen:
„Maß ist Einklang, rechtes Verhältnis. Bejahte Grenze wird zum inneren Verhältnis der Kräfte. […] Die Grenzen leugnen dürfen wir nicht. Sie überschreiten können wir nicht. Aber überwinden sollen wir sie dadurch, dass wir sie frei bejahen und vollenden.“ (Der Gegensatz, S. 208)

Lebendiges Leben endet an der Schwelle zur Maßlosigkeit – und an der Schwelle zur Bewegungslosigkeit. Beim Übertritt der Schwellen verlieren wir das „rechte Verhältnis“.
Verneinen und verleugnen wir die Grenzen, verlieren wir das Gleichgewicht, die Mitte, den „Einklang“.

Das hört sich für mich schlüssig an …
Und ich wünsche mir deshalb ein beständiges Bewusstsein für die Bedeutung und das Zusammenspiel von Maß und Bewegung.

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