Foto von Greyson Joralemon auf Unsplash
Gott schleußt sich unerhört in Kindes Kleinheit ein:
Ach möchte ich doch ein Kind in diesem Kinde sein.
Ach könnte nur dein Herz zu einer Krippe werden,
Gott würde noch einmal ein Kind auf dieser Erden.
Merk, in der stillen Nacht wird Gott, ein Kind, geboren,
und wiederum ersetzt, was Adam hat verloren.
Ist deine Seele still und dem Geschöpfe Nacht,
so wird Gott in dir Mensch und alles wiederbracht.
Hier liegt das werte Kind, der Jungfrau erste Blum,
der Engel Freud und Lust, der Menschen Preis und Ruhm.
Soll er dein Heiland sein und dich zu Gott erheben,
so musst du nicht sehr weit von seiner Krippe leben.
Der Himmel senkte sich, er kommt und wird zur Erden;
wann steigt die Erd empor und wird zum Himmel werden?
Angelus Silesius (1624 bis 1677)
Treffender kann man’s nicht beschreiben, was genau wir in den vergangenen Tagen gefeiert haben.
Angelus Silesius, der schlesische Engel, wie er sich später nach seiner Konversion zum Katholizismus nennt, wird im Dezember 1624 als Johann Scheffler in Breslau geboren – mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges.
In den oben zitierten Epigrammen beschreibt er die Besonderheit der Menschwerdung Gottes – und die Konsequenzen daraus für alle Menschen.
Mal das Eine, mal das Andere.
Bunt durcheinander gemischt.
Seine Kernaussagen zum Ereignis von Weihnachten:
„Gott schleußt sich unerhört in Kindes Kleinheit ein“
„Der Himmel senkte sich, er kommt und wird zur Erden“
Mit diesen Sätzen beschreibt Silesius die Oben-Unten-Bewegung von Weihnachten:
Der große Gott schließt sich im Körper eines Kindes ein – der Himmel wird zur Erde.
Keine Trennung mehr von Gott und Mensch – kein Abstand mehr von Himmel und Erde.
Gott wohnt, wo die Menschen leben – Himmel und Erde vereinen sich.
Gott macht sich erreichbar. Der Himmel wird greifbar.
Und dann noch seine Wünsche für uns Menschen:
„Ach könnte nur dein Herz zu einer Krippe werden,
Gott würde noch einmal ein Kind auf dieser Erden.“
„Soll er dein Heiland sein und dich zu Gott erheben,
so musst du nicht sehr weit von seiner Krippe leben.“
Zwei Epigramme – zwei Krippenbilder.
Das erste Bild beschreibt die Sehnsucht Gottes,
möglichst nah bei uns zu sein –
das zweite Bild ersehnt sich die unsere Sehnsucht,
möglichst nah bei ihm zu sein.
Weihnachten wäre perfekt, wenn beides zusammenkommen würde, meint Silesius.
Er nah bei uns – wir nah bei ihm.
Silesius findet dann auch gleich einen hoffnungsvollen und tatkräftigen Schluss:
„Der Himmel senkte sich, er kommt und wird zur Erden;
wann steigt die Erd empor und wird zum Himmel werden?“
Die weihnachtliche Schlussfrage ist für ihn, wann wir den Weg dazu einschlagen, selbst „Himmel zu werden“ …
die himmlische Hingabe verwirklichen,
das göttliche Herz widerspiegeln,
die ewige Güte weitergeben.
Eine nachdenkenswerte Frage …


