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STAUB:BILD

Abbild und Staub
drückt die Polarität der menschlichen Natur aus.
Der Mensch ist geformt
aus dem niedrigsten Stoff zum höchsten Bild.
Abraham J. Heschel, in: Die ungesicherte Freiheit, Neukirchener Verlag, 1985, S. 129

Die grundlegende Aussage der Bibel über die Bedeutung des Menschen steht – laut jüdischer Überlieferung – im fünften Kapitel des ersten Mosebuchs (ebenso auch im ersten Kapitel):
„Als Gott den Menschen erschuf,
machte er ihn als sein Ebenbild.
(1. Mose 5,1 BB)
Nicht, was ein Mensch kann oder tut macht seine Würde aus – die Würde Gottes entstammt seiner Gottesebenbildlichkeit. Und weil jeder Mensch Gottes „Abbild“ ist (unabhängig von seinen Fähigkeiten und Taten), hat auch jeder Mensch Würde. Von Anfang an. Für immer.
Das sei aber nur die eine Seite, erklärt der jüdische Religionsphilosoph Abraham J. Heschel. Der andere Wesenszug des Menschen ist sein erdhafter Ursprung.
Das zweite Kapitel der Bibel spricht davon:
„Da formte Gott der HERR
den Menschen aus Staub vom Erdboden.“ (1. Mose 2,7 BB)

Anfang des Menschen ist der Staub. Geschaffen aus Staub.

So trägt jeder Mensch diese zwei polaren Wesensmerkmale durch die Welt: Abbild und Staub.
Das hat Konsequenzen.
Heschel erklärt das so:
„Der Mensch ist also verstrickt in eine Polarität von Gottesebenbildlichkeit und wertlosem Staub. Er ist eine Zweiheit von wunderbarer Größe und aufgeblasener Leere, eine Vision Gottes und ein Haufen Staub. Weil er Staub ist, können seine Fehler vergeben werden; weil er Ebenbild ist, wird Rechtschaffenheit von ihm erwartet.“ (S. 131)

Heißt: wir sind verantwortlich.
Weil wir „göttlich“ (Abbild) sind, können andere Gutes von uns erwarten.
Und weil wir „menschlich“ (Staub) sind, werden wir nicht ein Leben lang ohne Vergebung leben können.
Wir übernehmen Verantwortung für liebevolles Handeln – und für unsere Lieblosigkeiten;
Verantwortung für unsere Integrität – und für unsere Unvollkommenheiten.
Verantwortung für unsere Gerechtigkeit – und für unsere Einseitigkeiten.
Verantwortung für unsere Aufrichtigkeit – und für unsere Heucheleien.

Wir sind vertrauenswürdig (als Abbild) – und vergebungsbedürftig (als Staub).
Beides durchwirkt leidvoll, heilvoll, machtvoll, geheimnisvoll unser Leben.
Beides ist drin im menschlichen Leben.

Wenn dann noch die Laufrichtung unseres Lebens, wie Heschel formuliert, „aus dem niedrigsten Stoff zum höchsten Bild“ ist – dann wäre das in aller Polarität unseres Menschseins vorBILDlich.

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